Vernetzung

Im Jahre 1800 wäre ich wahrscheinlich Sattler und Flickschuster gewesen. Ich hätte die Schuhe meiner Nachbarn geflickt und gelegentlich ein paar neue Schuhe angefertigt. Auch die Anfertigung und Reparatur von Zaumzeug und Ochsengeschirr wäre meine Tätigkeit gewesen. Alles was ich dazu an Werkzeug gebraucht hätte, hätte mir der Dorfschmied angefertigt. Manches hätte ich auch selbst gebaut oder mir vom Schreiner hobeln lassen. Die Rohstoffe wären 5 Kilometer weiter aus dem nächsten Dorf gekommen, aus der Gerberei, die wiederum ihre Rohstoffe wie Gerberlohe und Tierhäute aus der nächsten Nachbarschaft bezogen hätte. Meine Nahrungsmittel hätte ich von den Landwirten bekommen, für die ich das Zaumzeug und die Schuhe geflickt hätte. Mein Essen wäre von dem Acker gekommen, den die Ochsen pflügen, die mein Zaumzeug tragen und den Pflug vom Dorfschmied ziehen. Irgendwann wären diese Ochsen geschlachtet worden und wären auf dem Teller gelandet, und ihre Häute wären zu Schuhen oder Zaumzeug verarbeitet worden. Aus den Knochen hätte man Leim gekocht für den Buchbinder und den Schreiner. Alles war in einem Kreislauf aus Wiederverwertung und hoher Regionalität gestaltet.

Die damalige Vernetzung war robust und einigermaßen krisensicher. Nicht immer, aber zum Überleben reichte es meistens. Man einigte sich in Krisenzeiten auf Kredite per Handschlag. Oder kehrte einfach zur Tauschwirtschaft zurück. Bei dem damaligen Stand der Komplexität war das kein Problem.

 

 

Heute lebe ich auch in einem Dorf und drucke und verkaufe Bücher. Ich weiß nicht, wie viele Menschen und Maschinen in diesen Prozess involviert sind. Wahrscheinlich sind es viel mehr als 10’000 Menschen, die im Endeffekt dafür sorgen, dass ich ein Buch schreiben, drucken und binden kann – und bis es beim Käufer im Briefkasten ist.
Zum Anfertigen des Buches nutze ich einen PC mit Bildschirm und Software aller Art. Für deren Herstellung und Entwicklung sind einst mehrere Hunderttausend Arbeitsstunden aufgewendet wurden. Diese unzähligen Menschen die ihrerseits bereits Vorarbeit geleistet haben, müssen wir hier bei unserer Betrachtung gar nicht mitrechnen.

Ich kaufe Papier. Irgendjemand hat Altpapier eingesammelt, Maschinen gebaut, muss die Maschinen bedienen, muss Energie beziehen – bis das fertige Blatt bei mir auf einer Palette eintrifft. Der Druck muss erfolgen. Ich nutze gelegentlich Digitaldruck. Jemand muss diese Maschinen einst entwickelt und programmiert haben, es werden Leute geschult, diese Technik warten und reparieren können. Der Toner muss erzeugt werden, die Behälter für den Toner hergestellt und sonstige Ersatzteile gefertigt und vorgehalten werden. Ich benötige Strom für den Betrieb der Maschinen, der von vielen Spezialisten mit 50 Hertz Frequenz rund um die Uhr bereitgestellt wird. Ich muss die Bücher binden: Jemand muss Heftklammern aus Metall herstellen und mir liefern, sowie Buchbinderleim aus verschiedenen synthetischen Rohstoffen herstellen und zusenden. Das Buch wird über den Online- Shop verkauft, bezahlt per Banküberweisung oder PayPal – wieder ein paar Hundert Menschen die beteiligt sind – dann wird das Buch in Umschlägen versendet, die jemand anderes hergestellt und geliefert hat. Und der Hersteller der Umschläge hat wiederum Pappe von einem anderen Hersteller bezogen usw. Die Post verteilt die Ware über tausende Kilometer jeden einzelnen Tag, bis die Sendung den Empfänger erreicht. Ein Wahnsinn, wenn man das einmal aufschlüsselt.

Und immer wieder ist Energie für alles nötig, Energie aus dem hinterletzten Winkel dieser Welt, veredelt, transportiert und umgewandelt. Der Wahnsinn der spezialisierten Arbeitsteilung funktioniert nur, wenn genügend Energie vorhanden ist. Und genügend Energie ist nur vorhanden, wenn wir alle spezialisiert sind, und sich diese Energie mit einer hohen Ausbeute ernten lässt. Dies ist ein sich wechselseitig beeinflussendes System, das steht und fällt mit einem Überschuss an Energie. Die meisten sind heute zu extremen Spezialisten geworden, die von anderen Spezialisten abhängig geworden sind.

Der Grad der Vernetzung unterscheidet uns also erheblich von den Menschen die vor 200 Jahren ihrer Tätigkeit nachgegangen sind. Damals hätte jeder jeden ersetzen können: wenn ich mich als Schmied versucht hätte, wäre der Nagel vielleicht ein bisschen krumm geworden, aber es wäre ein brauchbarer Nagel gewesen. Der Bauer hätte sich als Flickschuster betätigen können: mit ungleichmäßigen Nähten, aber er hätte es wahrscheinlich hinbekommen. Der Schmied hätte auch den Acker umpflügen können, vielleicht nicht mit geraden Furchen, aber immerhin wären die Pflanzen trotzdem gewachsen. Diese Gesellschaft war resilient.

Aber heute kann ein Elektroniker keine Glühbirne mehr herstellen, und ein Glühbirnenherstellungsunternehmen kann keine Autoreifen produzieren, wahrscheinlich nicht einmal die  selbst benötigten Rohstoffe für Glas und für die LED. Für jedes technische Ding gibt es Spezialisten, die nur etwas produzieren können, wenn irgendwo auf der Welt andere Spezialisten die Rohstoffe herstellen, die andere Spezialisten befördern usw. Es ist ein Meisterwerk an Organisation.  Es ist ein wahres Wunder, wie gut und vergleichsweise reibungslos unsere globale Zivilisation funktioniert. Noch.

 

Die Arbeitsteilung ist gleichermaßen Ursache und Wirkung einer gesteigerten Komplexität.

Zivilisationen steigern naturgemäß ihren Vernetzungsgrad. Aufgaben können so effektiver erledigt werden. Ein paar Leute sind Soldaten, ein paar sind Zimmermänner und wiederum andere sind Bauern die das Essen erzeugen. Zunächst spart diese Arbeitsteilung Energie, weil Aufgaben mit weniger Verschwendung erledigt werden: Der gelernte Zimmermann macht keine Holzbalken mehr kaputt, wenn er das dritte Haus gebaut hat, der Laie sägt anfangs noch zehn Balken falsch zu. Der Bauer kennt sein Handwerk, er kann alleine wesentlich mehr Essen erzeugen als fünf Buchhalter, die Heu nicht von Stroh unterscheiden können.

Das System wird damit zu einem Selbstläufer. Man hält immer danach Ausschau, wie man den Erntefaktor einer Ressource steigern kann, also effektiver Ausbeuten und effektiver Arbeiten kann. Antike Zivilisationen nutzten Sklavenheere für den Aufbau und Erhalt ihrer Reiche. Anstatt Menschen pflügen zu lassen, nutzte man irgendwann tierische Arbeitskraft auf dem Acker. Diese ersetzte man durch den Dampfpflug und dann durch den erdölbetriebenen Schlepper. Das effektivere Arbeitsmittel mit dem größten energetischen Gewinn setzte sich durch.

Eine sichere Nahrungsmittelversorgung, medizinische Fortschritte, Bildung und allgemeine Hygienik sorgen für ein Anwachsen der Bevölkerung. Die Aufrechterhaltung dieses System verschlingt jedoch zusehends mehr Energie, da die Wünsche ständig steigen, gleichzeitig aber die Ressourcen immer schwerer zu ernten sind: Anfangs konnte man das Eisenerz noch kurz unter der Grasnarbe finden, irgendwann muss man Stollen in den Boden treiben. Der Grenznutzen sinkt, es muss immer mehr Energie für weniger Ertrag aufgewendet werden, bei gleichzeitig gestiegenen Bevölkerungszahlen, mit gestiegenen Ansprüchen.

Diesen steigenden Energieverbrauch und abnehmenden Grenznutzen versucht man durch mehr Spezialisierung, mehr Vernetzung und mehr Einsatz von Technik zu kompensieren. Und so dreht sich das Rad der Zivilisation und des Fortschritts, und zwar immer schneller. Ganz ohne unser Zutun.

 

Was ist also die Folge einer solchen Zivilisation?

In der Hochphase einer Zivilisation sehen wir immer: steigende Komplexität, abnehmenden Grenznutzen, gesteigerten Energieverbrauch, extreme Vernetzung der einzelnen Bereiche. Alle diese Komplexe sind ja Ausdruck einer Zivilisation (sonst wäre sie keine), und sind systemimmanent vorhanden.

Wir werden also niemals Energie einsparen oder energetisch schrumpfen. Das Gegenteil wird passieren: der Nettoenergieverbrauch der Welt wird immer zunehmen, kurzfristige rezessive Schwankungen ausgenommen. Dieses Spiel funktioniert solange, wie wir leicht erntbare Energiereserven haben und keine äußere Störung diese Harmonie zerstört.

 

Die Vernetzung ist scheinbar stabil, aber nur bis zu einem gewissen Punkt.

Dieses System funktioniert sehr gut. Fällt irgendwo die Herstellung eines Produktes wegen einer Naturkatastrophe aus, so gibt es andere Firmen die dieses oder ein ähnliches Produkt in einer kurzen Zeit liefern können. Das ist einer der Vorteile der Vernetzung. Es springt immer jemand in die Bresche.

Ein Nachteil dieser Vernetzung ist seine allumfassende Präsenz auf diesem Planeten: wenn alle Lebensbereiche vernetzt sind, kann eine größere Störung zu einem Dominoeffekt heranwachsen. Ein Problem in Südeuropa kann eine Kaskade an Störeffekten hervorrufen, was zur Folge hat, dass der Bauer in der Republik Kongo kein Saatgut und keinen Diesel mehr erhält, was wiederum dazu führt, dass hungernde Menschen sich auf die Suche nach Nahrung begeben, und wenig Lust haben, in Coltanminen zu schuften, damit Apple in China seine Smartphones produzieren kann, usw.

 

Wir werden in den kommenden Jahren sehen, inwieweit uns diese Vernetzung zum Vorteil oder Nachteil gereicht, wenn sich das Klimaoptimum und das leicht erntbare Erdöl seinem Ende neigt. Es wird auf alle Fälle spannender als das Fernsehprogramm…

 

 

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