It’s the energy, stupid!

Wenn – besonders im Schulunterricht – von Aufbau, Erhalt und Zerfall von Gesellschaften oder Zivilisationen die Rede ist, so führt man eigentlich nur innenpolitische Dinge auf: Kaiser XY regierte von dann bis dann, Cäsar XX führte Krieg gegen YY, die Hunnen überrannten Europa, es gab einen Krieg mit dieser und jener Nation, was jene Folgen hatte usw. Keine Ahnung, ob euch deswegen auch so eine Langeweile in der Schule plagte wie mich.

Diese Aneinanderreihung von Fakten ist eigentlich sinnlos. Sie verschweigt Zusammenhänge und bildet kein stimmiges Bild. Einzelereignisse werden herausgestellt und überhöht als Schlüsselereignisse betrachtet. Dennoch waren dies alles Wirkungen und Reaktionen auf andere Einflüsse, und die Ereignisse wiederum Ursachen für andere Ereignisse. Solch ein Geschichtsunterricht ist eigentlich sinnlos, und er müsste bei Grundlagen über die menschlichen Verhaltensweisen beginnen. Man müsste ein Psychologiestudium, ein Biologiestudium und Grundkenntnisse von klimatischen Ereignissen vor den Geschichtsunterricht setzen.

Eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus – auf den Energiebedarf von Zivilisationen als Schlüsselfaktor:

Jeder Mensch benötigt Energie: er muss essen, trinken, er benötigt Obdach zum Schutz gegen klimatische Einflüsse und wilde Tiere. Kurzum: das wichtigste für den Menschen ist zunächst, seine Körpertemperatur bei etwa 37°C zu erhalten. Jeder Mensch, jedes Säugetier, versucht dieses Optimum zu erhalten. Wir nehmen daher Nahrung auf, und scheiden Abfallstoffe wieder aus. Der Energiegewinn aus diesem Verbrennungsprozess erzeugt Wärme, und der Körper pendelt sich im Optimalfall bei dieser Temperatur ein.

Um die Nahrung zu ernten, muss ebenfalls Energie aufgewendet werden: man muss Pflanzen sammeln, oder Tiere jagen. Am Schluss dieser Tätigkeit muss mehr Energie übrig bleiben um den Körper zu heizen, als das ernten dieser Energiequellen verbraucht hat.

Jetzt kommen insbesondere zwei verschärfende Punkte hinzu, die den Menschen einzigartig machen in Bezug auf seine Mitlebewesen, was die benötigte Energiezufuhr anbelangt:

  1. Der Mensch hat kein Fell.
  2. Menschliche Gesellschaften sind energetisch mehr als die Summe ihrer Einzelwesen.

 

Zu 1.: Wie und warum der Mensch seine Körperbehaarung verloren hat, soll hier nicht zur Debatte stehen. Aber immerhin sorgt diese Nacktheit für ein paar Probleme: Der Mensch muss sich mit allerhand Kleidungsstücken gegen Wettereinflüsse wie Sonne, Regen, Wind, Eis, Schnee usw. schützen. Und die Besiedlung klimatisch kalter Zonen verschärft diese Problematik: das Winterhalbjahr bedingt Unterschlupf (Höhlen, Hütten, Häuser) und externe Wärmequellen (Lagerfeuer, Kamin, Zentralheizung). Um auch im Winterhalbjahr unsere Körpertemperatur konstant auf  etwa 37°C halten zu können, müssen wir im Sommer einen Überschuss an Nahrungsmitteln erzeugen, ernten, lagern (konservieren) und bis zur nächsten Ernte diesen Vorrat verzehren. Wir können hier eben nicht – im Gegensatz zu Gebieten in der Nähe des Äquators – ganzjährig einfach Früchte vom Baum pflücken. Eine Jäger-Sammler-Gesellschaft ist hier nicht möglich.  All diese Faktoren alleine sind schon ausreichend genug, um als Initialzündung zur Schaffung von Zivilisationen zu gelten (es gibt natürlich mehr Ursachen, aber wir nähern uns dem Kern der Sache schon).

Zu 2. Menschliche Gesellschaften sind komplex, insbesondere heute. Gesellschaften werden beständig komplexer, bis sie eines Tages kollabieren und auf eine primitive Stufe zurückgeworfen werden. Menschliche Gesellschaften sind eine Verflechtung von verschiedenen Wertvorstellungen, anerzogenen Verhaltensweisen, genetischen Einflüssen, Lust- und Unlustvorstellungen aller Art. Das macht menschliche Gesellschaften per se zu einer uneinheitlichen Masse an Menschen. Zwischen allen Einzelindividuen gibt es »Reibungsverluste«, wenn eine größere Menge Menschen eine Gemeinschaft bildet. Je größer diese Gemeinschaft wird (sie wird zur Gesellschaft), desto größer werden diese energetischen Verluste, um eine gemeinsame Organisation – ein Zusammenleben – zu ermöglichen.

Was »Buchstabe – Wort – Satz – Text – Fachbuch« in der Schrift sind, ist beim Mensch: »Organ – einzelnes Lebewesen – Familie/Sippe – Gemeinschaft – Gesellschaft«. Das Malen eines Buchstabens benötigt wenig Gedankenarbeit, ist aber für sich gesehen sinnlos. Ein richtig geschriebenes Wort verlangt schon mehr Intelligenz. Ein sinnvoller Satz noch mehr. Und ein ganzes Buch aus verbundenen Sätzen ist für manche Schwerstarbeit und verschlingt eine erheblich größeres Maß an Energie, als wenn ein dreijähriges Kind zehn Minuten auf der PC-Tastatur sinnlos herumklopft. Wir merken also: Organisation – auf kleiner Ebene wie auch auf gesellschaftlicher Ebene – benötigt vor allem eines: Energie.

 

Da wir nun – in einem ganz kleinen Rahmen – betrachtet haben, wie komplexe Gesellschaften funktionieren, können wir ein Zwischenfazit ziehen:

  1. Das menschliche Wesen hat einen biologischen »Mangel«1 und bedarf erheblicher Mengen an zugeführter Energie um seine Körpertemperatur auf einem konstanten Level zu erhalten. Die Besiedlung klimatischer Extremlagen erfordert zusätzliche Organisation um zu überleben.
  2. Menschliche Gesellschaften und Zivilisationen neigen dazu, komplex zu werden, und haben dadurch einen deutlich höheren Energiebedarf als einzelne Individuen. Zum Erhalt dieser komplexen Strukturen – der Organisation – sind große Mengen an Energie erforderlich. Je höher der Organisationsgrad, desto mehr »graue« Energie2 wird benötigt. Auch dem natürlichen Zerfall, der Entropie, muss entgegengewirkt werden.3

 

Alle Zivilisationen die wir aus unseren Geschichtsbüchern kennen, konnten nur entstehen und eine Zeit lang bestehen, weil die Menschen es schafften, einen gewissen Energieüberschuss zu erwirtschaften. Die früheren Zivilisationen waren auf die Sonne als Energiequelle angewiesen: war das Klima mild, feucht und mit wenig Unwettern gesegnet, so konnte ein guter Ernteüberschuss erwirtschaftet werden. Man konnte Vorräte für schlechte Zeiten anlegen, Sklaven beschäftigen, und eine Menge Soldaten verpflegen, mit denen man neue Ländereien und Rohstoffe zu erobern gedachte. Solange genügend Energieüberschuss erwirtschaftet werden konnte, z.B. auch durch Ernten von Holz zum Bau neuer Häuser, Kriegsschiffe, Baugerüste und zum Brennen von Kalk usw., so prosperierten diese Zivilisationen. Ging dieser Überschuss zu Neige, durch extreme Rodung der Holzbestände beispielsweise, so musste man versuchen, neue Ressourcen unter seine Kontrolle zu bringen (i.d.R. durch Krieg, was wieder mit einem hohen Energieeinsatz verbunden war).

Kriege um Ressourcen konnten aber nur solange geführt werden, wie man die Heere mit Nahrung versorgen und gesund erhalten konnte, und die arbeitende Bevölkerung im Heimatland nicht schutzlos zurückließ. Je weiter solch eine Zivilisation fortschreitet, desto mehr Überschussenergie muss erwirtschaftet und geerntet werden.

Klimatische Extreme sorgten in der Vergangenheit immer für eine Minderung dieser Überschussenergie: Korn wuchs nicht mehr so gut wie einst, der Transport zu den Truppen kostete viel Energie wegen weiter Wege, es kam zu Überfällen auf die Nahrungsmitteltransporte. Kurzum: die Nettoausbeute an Energie sank beständig und immer schneller ab. Innenpolitische Probleme treten in solchen Phasen immer offensichtlich in Erscheinung. Die Probleme die man früher, dank der erwirtschafteten Überschussenergie, gut verschleiern konnte (z.B. mit finanziellen Tricksereien), treten nun offen zu Tage. Die Kontrolle über eine Gesellschaft beginnt immer schneller zu entgleiten, und zwar umso schneller, je komplexer eine Gesellschaft organisiert ist.

Zum Aufrechterhalten einer Zivilisation muss eine gewisse Menge an Überschussenergie vorhanden sein, da ein höherer Grad an Organisation auch eine vermehrte Energiezufuhr bedeutet. Ist es eine kleine bäuerliche Kultur, die aus lauter einzelnen Sippen besteht, die Almwirtschaft betreiben, Käse herstellen und fast autarke Selbstversorger sind, dann benötigt man vergleichsweise wenig Überschussenergie. Man muss wenig neue Ressourcen erschließen und auch nur ein paar Almpfade in Schuss halten. Und anstatt Funk und WLAN zu nutzen, nutzt man das Alphorn und jodelt.

Ist eine Zivilisation aber im Laufe der Zeit immer komplexer geworden, auch noch global und bis in den Weltraum hinein vernetzt: dann benötigt man eine Menge an Energieüberschuss um den Laden am Laufen zu erhalten. Und wenn dieser Überschuss nicht erbracht werden kann, so kollabieren diese Zivilisationen. Einfach so. Und man kann nichts dagegen tun.

Moderne Zivilisationen brauchen einen EROI der Energieträger von etwa 10:1. Fällt der Wert unter diese magische Grenze, dann ist der Verfall unaufhaltsam.

Sagen jedenfalls Charles A. S. Hall , Stephen Balogh and David J. R. Murphy (PDF).

 


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Fußnoten:

  1. Manche Biologen sehen darin einen evolutionären Vorteil. Ich halte vehement dagegen. Nur weil wir jetzt gerade in einer zivilisatorischen Hochphase eines Klimaoptimums sind, heißt das nicht, dass homo sapiens die ultima ratio unter den Spezies ist. Es ist noch lange nicht aller Tage Abend. Was ein erdgeschichtlich kurzfristiger Vorteil ist, muss es noch lange nicht langfristig sein. Es spielt auch keine Rolle. Fakt ist, dass wir »Nacktaffen« eine Menge Energie für unseren Körper benötigen, und wir künstliches Fell in Form von Kleidung brauchen, weil wir sonst sterben würden. Ganz einfach. Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, kann sich jetzt jeder selbst ausdenken.
  2. Also Energie, die z.B. nicht direkt den lebenserhaltenden Funktionen eines Menschen dient, bspw. Verwaltung, Forschung, Ausbeutung der Resourcen, Veredelung, industrieller Anbau und Transport von Nahrungsmitteln, Unterhalt der dazu benötigten Infrastruktur usw. usw.
  3. Kennt jedes Kind: Unordentlich und chaotisch im Kinderzimmer wird es von alleine. Aufräumen aber ist anstrengend und macht hungrig.

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