Die Menschheit sitzt in der Ölfalle

Auf den sinkenden Grenznutzen beim Öl hatten wir hier schon hingewiesen (1|2). Das, was wir an Energiegewinn aus der Ausbeutung erhalten, sinkt beständig.

In diesem Beitrag möchte ich kurz erläutern, warum die Menschheit in der Ölfalle sitzt, und der kommende Kollaps nicht mehr abgewendet werden kann. Immer unter der Voraussetzung, dass Öl langsamer entsteht, als wir es fördern, sich dadurch Lagerstätten erschöpfen etc. (also kurzum: Verschwörungstheorien lassen wir hier außen vor).

 

Scheinbare Nutzlosigkeit der Selbstbeschränkung

Niemand wird aus freien Stücken seinen eigenen Ölverbrauch einschränken wollen (bis auf sehr wenige Ausnahmen). Die Überlegung, die angestellt wird: Es gibt zwar eventuell nicht mehr lange Öl. Sparen würde Sinn machen. Aber: wenn ich es nicht verbrauche, tut’s ein anderer und hat seinen Spaß mit dem Motorrad und dem Plastikramsch aus China. Warum sollte also gerade ich persönlich zurückstecken?
Folge: Solange das Benzin oder Erdölprodukte erschwinglich sind, wird es gekauft und auch für »sinnlose«1 Sachen verschwendet. Die Menschheit würde klüger handeln, das Erdöl für überlebenswichtige Dinge und schlechte Zeiten zurückzulegen2. Aber wann hat die Menschheit kollektiv jemals an einem Strang gezogen? – Auch hier: Klar, theoretisch geht alles. Aber nur vielleicht, und erst in 50 Jahren. Sorry: zu spät!

 

Die Warteschlange ist lang. Und hungrig.

Wie viele Menschen leben sehr arm, sehr karg und haben kaum Zugang zu einem zivilisatorischen System? Wie viele Menschen möchten so komfortabel leben, wie der durchschnittliche Westeuropäer oder Amerikaner? Waren es 4 oder 5 Milliarden? Und wie viel werden es gleich noch im Jahre 2030 sein? Sind es dann 7 Milliarden oder so, die nur darauf brennen, ein Wohlstandsmodell wie wir aufzubauen? Dies ist nur mit Gas, Öl und Kohle möglich. Nein, die Ölförderung wird niemals, solange es energetisch Sinn macht, zurückgehen. Es wollen immer mehr Menschen an dieser Party teilnehmen, obwohl der Kuchen größtenteils bereits verspeist wurde. Bald prügelt man sich noch um die letzten Krümel, weil der Hunger bereits groß ist. Sehr groß.

 

Könnte der Staat nicht den Zugang reglementieren?

Wollen könnte man viel. Aber Staaten sind die Summe von Individuen. Sie werden daher wie der überwiegende Teil einer Herde handeln: und da steht Selbstmord der Mehrheit einfach nicht zur Debatte. Ganz im Gegenteil, man wird eher versuchen, anderen Staaten das Öl wegzunehmen (Krieg um leicht erntbares Öl), als sich selbst zu beschränken. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Das ist ein üblicher Vorgang in der Natur. Oder habt ihr schon mal bei Tieren – bei solchen, die nur Zugang zu begrenzten  Ressourcen haben – gesehen, dass gerecht geteilt und aufgespart wird? Wenn Fressen da ist, wird gefressen. Denn schon morgen könnte nichts mehr da sein. So ist das nun einmal. Wir sind auch nur Lebewesen, wie alle anderen Tiere. Wir funktionieren nach dem gleichen Muster.

 

Staatliche Stellen haben auch noch andere Probleme

Als weiteren Punkt ließe sich noch anführen, dass zur Lösung dieses globalen Problems ein Großteil der staatlichen Aufgaben gebündelt werden müssten. Es gibt aber bekanntermaßen noch andere, tagesaktuelle Probleme: Wahlen, Kindergartenplätze, Verpackungsverordnung, Unruhen, Straftaten, Unwetterereignisse, Diätenerhöhung, Feinstaubgesetze und ca. 1,8 Millionen anderer »Problemchen«. Also wer von der Politik hier ein beherztes Eingreifen bei der kommenden Energiekrise erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Wir werden nichts dergleichen sehen. Heute scheitern regelmäßig Großbauprojekte, die wegen Unfähigkeit, Korruption und gestiegener Komplexität nicht mehr termingemäß oder im Rahmen der Kosten fertiggestellt werden können. Und da diskutiert man ernsthaft einen Umbau des globalen Energiesystems auf ein neues Level? – Das ist so lachhaft, dass es schon fast peinlich erscheint, darüber zu schreiben und das in Erwägung zu ziehen!

 

 

Kann man Öl nicht irgendwie ersetzen?

Teilweise sicher. Aber wir werden in den nächsten 20 Jahren keine Massenmobilisierung mit E-Autos erleben. Auch der Aufbau einer solchen Infrastruktur – die weltweit erfolgen müsste – müsste energetisch quersubventioniert werden: mit Erdöl, Erdgas und anderen fossilen Energieträgern. Die Luft bei der Effizienzsteigerung der Verbrennungsmotoren ist raus. Da geht nicht mehr viel. Andere Mobiltitäskonzepte? Klar, geht alles. Wenn man ganze Städte abreißt, neu plant und komplett neu aufbaut. Auf dem Papier funktioniert alles. In der Praxis eben nicht. Man kann heute nicht einmal die Straßen und Brücken in Ordnung halten. Der infrastrukturelle Zerfall ist unübersehbar. Eine seit 100 Jahren gewachsene Infrastruktur komplett umkrempeln zu wollen ist Manager- und Politikergewäsch, das in der Praxis nichts taugt.

Wichtige chemische Produkte können nur mit Erdöl billig hergestellt werden. Vieles davon könnte man auch mit Kohle herstellen, was aber wieder eine Menge Energie verschlingt. Da der Erntefaktor ständig sinkt, sind wir auch hier irgendwann einen Punkt, in dem die Nutzung anderer Stoffe einfach nicht mehr rentabel ist.

 

Finanzieller Aspekt.

Energie muss erschwinglich sein. Die Verflechtung mit der finanziellen Zeitbombe, auf der wir alle sitzen, sorgt dafür, dass wir alle auf preiswerte Energiequellen zurückgreifen müssen, um das Hamsterrad am Laufen zu erhalten. Wir nutzen ein System, welches auf Expansion angelegt ist. Es müssen Nachschuldner gefunden werden, die Produkte und Dienstleistungen konsumieren. Reißt diese Nachschuldner-Kette (wie in einem Schneeballsystem), so kollabiert dieses Finanzsystem. Auch preislich kann man das Erdöl nicht beliebig verteuern, es muss durch den Verbraucher erschwinglich bleiben, oder das gesamte System kollabiert.

Man kann den freien Zugang zu Erdölprodukten und allem was daranhängt nicht mehr reglementieren. Dies würde gleichzeitig einen finanziellen Kollaps mit sofortiger Wirkung auslösen. Also kann man die Sache mit dem Öl genau so weiterlaufen lassen, wie es jetzt geschieht. Man gewinnt dadurch vielleicht noch einige Jahre bis zum Kollaps, aber das ist besser als ein sofortiger Kollaps. Jedes Lebewesen wird sich eher für einen unbestimmten Todestag im Laufe der kommenden 14 Tagen entscheiden, als jetzt sofort aus dem Leben zu scheiden.

 

Kein erschwingliches Öl bedeutet vorindustrielles Zeitalter.

Der Ölfalle zu entkommen, hieße, technologisch auf das Jahr 1860 zurückzugehen. Ich sehe momentan kein Silberstreif am Horizont, der uns in den nächsten 15-20 Jahren aus der Abhängigkeit des Erdöls befreien könnte. Ihr etwa? Atomkraft ist gefährlich, das Abfallproblem immer noch ungelöst. Die Folgekosten von Unfällen sind gigantisch. Unfälle bedeuten die Aufgabe ganzer Landstriche. Politisch ist die Atomkraft kaum mehr vermittelbar. Uranlagerstätten erschöpfen sich genauso wie Erdöllagerstätten, insbesondere dann, wenn mehr auf Atomkraft gesetzt werden würde. Hier ist keine Lösung in Sicht. Atomkraft kann zwar Strom produzieren, aber kein Erdöl an sich ersetzen (höchstens durch chemische Umwandlung von Kohle, was aber energetisch die Sache so verteuern würde, dass wir wieder die o.g. Problematik nur kurzfristig verschieben würden). Außerdem benötigt der Aufbau der Atomkraftwerke eine lange Zeit. Wie lange baut man schon an Olkiluoto 33 herum?

 

Was können wir tun?

Wahrscheinlich nicht viel, wie es halt so ist, wenn man in einer Falle gefangen ist. Ich würde fast sagen: Genießt die letzten Tage im goldenen Käfig, wenn euch das gelingt. Aber dieser Ratschlag ist wahrscheinlich genauso sinnvoll, wie wenn man Strandurlaubern zuruft: »Hey, dahinten kommt ein Hurrikan. Aber keine Bange, gaaanz ruhig Leute, ihr könnt noch 8 Minuten die Sonne genießen und euer Eis fertig essen.«

Tja, eigentlich könnte man viel tun. Theoretisch halt. Aber: wie viele Leute kennt ihr aus eurem Umfeld, die den Begriff »Peak Oil« kennen, und auch noch erklären können?

Genau! Ich kenne auch niemanden.

Was nützt ein Wissen um Lösungen, wenn 99,1% gar nicht wissen, worin das Problem überhaupt besteht?


 

Diesen Beitrag teilen:


Fußnoten:

  1. Darunter verstehe ich bspw. Motorsport, Fernreisen, Flugverkehr, Autofahren zum Spaß, sinnfreies Plastikspielzeug, Kleidung aus Bangladesh nach Europa zu schicken etc.
  2. Sinnvolle Sachen wären: Ernährung, Medizin, wichtige chemische Produkte, Verkehr für Notfälle usw.
  3. https://www.heise.de/tp/news/Olkiluoto-3-Ende-des-ambitionierten-AKWs-in-Finnland-3241107.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*